medico international

medico Rundschreiben 04/2011

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

mitten im Endspurt zur Produktion dieses Heftes platzt ein Kollege in mein Büro: „Schau dir die Live-Übertragung im Internet aus New York an.“ Kein Fußballspiel, sondern die größte Demonstration in New York seit Jahren! Demonstriert wurde gegen die Räumung von „Occupy Wall Street“. Als ich das Büro verlasse, ist die Straße voller Polizei. Schüler und Studenten demonstrieren für bessere Bildung. Eine kleine Gruppe, aber doch in dem Wissen, dass sie jederzeit mehr werden können. Der Protest hat sich den öffentlichen Raum zurückerobert. Das ist fast schon eine frohe Botschaft zu Weihnachten. Diese Bewegungen gegen die Macht der Banken, für eine radikale Demokratie und sozialen Gemeinsinn sind in all ihrer Unterschiedlichkeit global und entfalten sich im Wissen voneinander. Von denen, die Widerspruch einlegen, berichtet dieses Heft an vielen Beispielen: Homs, Santiago, Frankfurt.

Wir sind 99 Prozent - rufen die Demonstranten in New York. Dies ist eine große Kraft, eine Form der Selbstvergewisserung angesichts der Überlegenheit, die die Macht der Tatsachen besitzt. Eine solche Tatsache ist, dass an vielen Orten der Welt, Menschen nicht mehr menschenwürdig leben können und an hoffentlich bessere Orte auswandern. Dass sie ihr Leben riskieren, wissen sie. Die Abschottungspolitik der prosperierenden Regionen in Nordamerika und Europa nimmt den Tod vieler Migranten bewusst in Kauf. Abschreckungspolitik ist eine milde Bezeichnung für diese Form der Menschenverachtung.

In Lateinamerika ist auf diese Weise ein Phänomen in die Politik zurückgekehrt, das man mit dem Ende der Diktaturen endgültig besiegt glaubte: die „desaparecidos“, die Verschwundenen. Ramona Lenz und Dieter Müller kommen in ihrer Reportage ganz nah an die menschlichen und politischen Folgen, die das „Verschwindenlassen“ hat. Sie berichten von zentralamerikanischen Müttern, die in Mexiko nach ihren verschwundenen Kindern suchen. Die Kinder wurden, so muss man vermuten, zum größten Teil Opfer von Gewaltverbrechen, begangen von Verbrecherbanden, die allzu häufig mit polizeilichen Institutionen verquickt sind oder gar aus ihnen kommen.

War zu Zeiten der lateinamerikanischen Militärdiktaturen das „Verschwindenlassen“ ein teuflisches staatliches Repressionsinstrument, das zur Einschüchterung des politischen Widerstands eingesetzt wurde, so ist das „Verschwindenlassen“ auch heute eine systematische Erscheinung. Nur richtet es sich nicht gegen eine politische Bewegung, sondern gegen die Bewegung der Ausgegrenzten. Heute wie damals werden sie kriminalisiert. Die Autoren der Verbrechen sind ebenfalls „Kriminelle“ - der Staat kann seine Hände in Unschuld waschen. Die systematische Straflosigkeit aber und die militarisierte Abschottungspolitik machen die staatlichen Apparate von Mexiko bis Kanada zu Komplizen und Nutznießern dieser Verbrechen. Man muss sie ihnen anlasten. Wie wichtig ist es deshalb, dass die Mütter der Verschwundenen - wie die argentinischen Frauen vom Plaza de Mayo - sich wieder organisieren, dass sie Verbündete in Mexiko haben, die sie unterstützen bei der Aufklärung der Einzelschicksale und bei dem Öffentlichmachen dieser Verbrechen. Sie heben die Vereinzelung auf, auch das eine Macht, die die Dinge verändern kann. Als Form globaler Solidarität hat medico diese Aktion mit Ihren Spendengeldern finanziert. Wir sind uns sicher, dass wir ganz in Ihrem Sinne handelten.

Herzlichst Ihre
Katja Maurer

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